Projekte

Neben der Forschung zu den Grundfragen der Anliegenorientierung (etwa dessen philosophischer und methodischer Einordnung) und zu hilfreichen Werkzeugen für die Praxis (wie dem Navigator), beschäftigen wir uns mit einer Vielzahl von kleineren und größeren Forschungsfragen.

 

Derzeit versuchen wir drei größere Fragen in Form von Forschungsprojekten zu ergründen:

 

 

 

Forschungsprojekt: anliegengeführte Kollaborationen

Mit der steigenden Arbeitsteiligkeit in Wirtschaft und Gesellschaft werden auch die von den Beteiligten erbrachten Leistungen immer vernetzter und verwobener. Dennoch wird oftmals kein Unternehmen oder Projekt aufgesetzt, um die Zusammenarbeit zu organisieren. Gerade bei Entwicklungsthemen, etwa Stadtentwicklung unter der Überschrift „Smart City“, oder sozialen Querschnittsaufgaben wie der Integration von Immigranten* oder Flüchtlingen ohne Ghettobildung, arbeiten oft Hunderte von Stakeholdern unkoordiniert nebeneinander her statt miteinander, wenn nicht (was manchmal, aber selten der Fall ist) die öffentliche Hand wirklich die Führung übernimmt.

 

Da letztlich alle Beteiligten ein gemeinsames Anliegen (wenn auch oft sehr divergierende Interessen) haben, ist das eigentlich ein ideales Terrain für eine anliegenorientierte Prozessgestaltung und -führung durch eine Art „Anliegen“-Holder, der in dem Thema keine eigenen Interessen, keine Entscheidungsbefugnis, wohl aber Prozessleitungsbefugnisse hat. Denn wenn in diesen Fällen „das Anliegen führt“ (so der Titel des Vortrags von Dr. Elke Böckstiegel auf der 16. Wissenschaftlichen Jahrestagung der DGSF 2016 in Frankfurt/Main), braucht es nur jemanden, der den (Groß-)Prozess betreibt und dabei das gemeinsame Anliegen hält. Dabei würde sich vermutlich auch die Art der Kollaboration ändern, freier und partizipativer werden, ohne Fokus zu verlieren. Und durch die Reduzierung unproduktiver Reibung würde der Prozess im Ergebnis sogar schneller vorankommen.

 

Unser Versuch, das am Beispiel des Berliner Smart City Prozesses tiefergehend zu erarbeiten, ist leider zunächst an der Absage einer beantragten Projektfinanzierung gescheitert. Das Thema reizt uns aber – an welchem Praxisbeispiel auch immer – weiterhin; wir freuen uns über Anregungen und Kontakte für mögliche Alternativprojekte.

 

 

 

Forschungsprojekt: anliegenorientierte Organisationsmodelle

Eine unserer Dauerfragen ist, welche Organisationsmodelle für anliegenorientiertes Arbeiten in Unternehmen oder Projekten passen und wie sich das zu den aktuellen agilen Ansätzen verhält. Dass es in Organisationen gar kein gemeinsames Anliegen gibt, kommt durchaus vor. Viel häufiger ist nach unserer Erfahrung aber der Fall, dass es dazu lediglich kein Bewusstsein gibt. Weil die Führung und das Organisationsmodell ein anderes Vorstellungsmuster in die Welt setzen, das eine komplett andere Realität vorgaukelt und fast hypnotische Wirkung hat. Und oft zu Sinnkrisen der Mitarbeiter* führt, die täglich „gute Arbeit machen wollen“, d.h. aus ihrem Verständnis des gemeinsamen Anliegens handeln und allen Hindernissen zum Trotz „den Laden am Laufen halten“.

 

Wie kann man diesen weit verbreiteten Widerspruch so weit wie möglich reduzieren? Welche Modelle funktionieren besser als die üblichen Zielsysteme, sowohl im Hinblick auf die „weichen“ Faktoren als auch auf die „harten“ Zahlen? Wie führt man eine Abteilung kooperativ, wenn das Unternehmen insgesamt ein Zielsystem hat? Wie kann man die Organisation so gestalten, dass die Mitarbeiter sich möglichst voll verwirklichen können? Sowohl die jungen Wilden als auch die Erfahrenen? Wie kann man das Unternehmen für die vielen Hochqualifizierten attraktiv machen, die nicht nur „ranklotzen“ wollen, sondern z.B. auch Zeit für sich und ihre Familie brauchen? Gibt es da unterschiedliche Antworten für unterschiedliche Unternehmensgrößen und Branchen?

 

Zwar kann man die Widersprüche einer Organisation durch kein Modell der Welt komplett auflösen. Aber unsere bisherigen Ergebnisse zeigen, dass eine Abkehr von letztlich zielorientierten Ansätzen hin zu einer Anliegenorientierung erhebliche Fortschritte bringt, weil sie – ähnlich wie agile Ansätze – einen Weg aufzeigen, der Ausrichtung und Flexibilität vereint. Dazu braucht es viel Kommunikation, für deren Verarbeitung es in Organisationen Grenzen gibt, an denen dann durch Strukturierung gegenbalanciert werden muss. Die spannende Frage, die wir weiter verfolgen, ist, in wieweit sich durch die andere Haltung und Perspektive der Anliegenorientierung dabei Lösungsansätze für neue Modelle ergeben.

 

 

 

Forschungsprojekt: Anliegenorientierung und Institutionen

Die Anliegenorientierung wirft nicht nur die Frage nach neuen Organisationsmodellen auf, sondern auf einer allgemeineren systemischen Ebene auch nach Veränderungen der sog. ökonomischen und sozialen Institutionen. Welche allgemeinen Regeln des Wirtschaftens und Zusammenlebens, welche institutionellen und systemischen Rahmenbedingungen begünstigen das individuelle anliegenorientierte Handeln und wie wirkt das individuelle anliegenorientierte Handeln einer kritischen Masse auf die Regeln und Rahmenbedingungen zurück? Welche sozialen und ökonomischen Institutionen braucht es für anliegenorientiertes Handeln?

 

Die vorhandenen Institutionen erscheinen uns meist selbstverständlich, zumindest bis sie durch Veränderungen oder gar Krisen auf den Prüfstand gestellt werden. Etwa die Sozialsysteme durch die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens als Reaktion auf die immer weiterreichende Automatisierung. Oder das Arbeitsrecht angesichts immer netzwerkigerer Kooperationsstrukturen. Oder die gesamte Finanzwirtschaft angesichts von Dauerniedrigzins, Fintechs und Finanzkrise. Auf der anderen Seite beruht auf vielen dieser Institutionen der Erfolg der westlichen Welt in den letzten Jahrhunderten. Unsere Institutionen sind zugleich Errungenschaft, Schwachpunkt und Sehnsuchtspunkt, der gigantische Migrationsströme anzieht. Welche dieser Regeln, Werte, Mindsets sind aber nun wirklich wichtig und zukunftsfähig, welche hinderlich? Und zwar nicht nur gemessen am kurzfristigen ökonomischen Erfolg, sondern an der nachhaltigen globalen Zukunftsgestaltung, ökonomisch, ökologisch und sozial.

 

Wenn Institutionen also so etwas sind wie die Regellogiken unserer sozialen Systeme, sind sie stark von den Überzeugungen und Gewohnheiten geprägt, mit denen wir die Welt gestalten. Etwa die weitverbreitete Zielorientiertheit oder das Konkurrenzdenken. Wenn man aber mit der Anliegenorientierung anders auf die Welt schaut, etwa nicht als Gegeneinander, sondern als ein Miteinander, ändern sich dann nicht auch die Regellogiken? Und wie könnten diese für die unterschiedlichen sozialen Systeme aussehen?

 

Im Grunde ist dies eine Forschungsfrage nach neuen Lösungsansätzen im Spannungsfeld von individueller Freiheit und System/Institution in ihrer Wechselwirkung. Anliegenorientierung bietet dafür eine unkonventionelle Perspektive, die es erlaubt, anders auf die Dinge zu schauen und andere Lösungen oder Antworten zu finden. Nicht weil das Bisherige falsch und das Neue richtig wäre, sondern weil Anliegenorientierung einlädt und unterstützt, stattdessen nach dem Hilfreichen zu fragen. Wir würden uns sehr freuen, dazu Mitforscher zu finden.