Methodik

Einige Grundgedanken zur anliegenorientierten Methodik finden sich bereits unter Anliegen, größere Vertiefungen müssen Publikationsprojekten vorbehalten bleiben, die bereits in Vorbereitung sind. Zwei Fragen zur Methodik sollen aber schon hier kurz angerissen werden, weil sie die beiden Fragen sind, die uns am häufigsten gestellt werden:

 

  • Wie steht die Anliegenorientierung zur Systemik und dabei insbesondere zum Ansatz der Lösungsorientierung?
  • Wie steht die Anliegenorientierung zu Scharmers „Theory U“?

 

 

Verhältnis zur Systemik und Lösungsorientierung

Ob die Anliegenorientierung zu den systemischen Methoden zählt oder nicht, hängt weitgehend davon ab, wie weit der Begriff der Systemik gefasst wird. Denn Systemik hat unterschiedliche Wurzeln und Definitionen und es gibt immer wieder Diskussionen (z.B. auf den wissenschaftlichen Jahrestagungen der DGSF), ob es einen Kernbestand systemischer Überzeugungen gibt oder ob Systemik eine Methodik im Entwicklungsfluss ist und jede Grenzsetzung in richtig und falsch nicht selbst unsystemisch wäre.

 

Der Systemik sehr ähnlich ist bei der Anliegenorientierung, dass für die Arbeit nicht an externes Wissen angeknüpft wird, sondern der Kunde* der Experte seiner Lebenswelt ist (Haltung des Nichtwissens des Beraters). Insofern bauen beide Ansätze auf konstruktivistischen und ressourcenorientierten Ideen auf. Dass der Berater sein Wissen als Angebot und Frage einbringen kann, um den Prozess zu beschleunigen (z.B. als sog. „Realitätenkellner“ - G. Schmidt) ist auch in der Systemik mittlerweile eingeführt (Abwägung zwischen Suggestionsgefahr und der Vermeidung quälender Frageschleifen, die die Systemik außerhalb der Therapie, z.B. in der Organisationsberatung anfangs viel Sympathien gekostet hat). Ähnlich ist auch, dass Input nicht aus dem Blick nach innen (Psyche des Kunden), sondern nach außen (der soziale Zusammenhang, in dem der Kunde steht) gesucht wird, also nach einer multiplen Beeinflussung durch das Umgebende und den dazugehörigen Rückkopplungen gefragt wird.

 

In der Betrachtung des Umgebenden bestehen aber auch Unterschiede zumindest zu den engeren Begriffen der Systemik (etwa Luhmann), die die Systemgrenze stark betonen, ja für konstitutiv halten (System-Umwelt-Differenz). Danach definiert sich das System und seine Grenzen durch dessen spezifische Regellogik, was bei allen sozialen Systemen die Kommunikation sein soll (wenn auch mit einem fast uferlosem Kommunikationsbegriff), auch wenn durch den Gegenstand der Kommunikation (z.B. Geld, Werte, Macht) weiter funktional differenziert wird. Dadurch wird für die Systemik aber z.B. die Psyche des Handelnden als Umwelt zum sozialen System betrachtet.

 

Die Anliegenorientierung negiert die Funktionslogiken der Systeme und die sich daraus ergebenden Grenzen nicht, hält sie aber für Artefakte der Betrachtung (wenn ein Wirtschaftsunternehmen nicht als soziales System mit der Regellogik Geld-Kommunikation betrachtet wird, sondern als sozialer Organismus, bei dem neben Geld viele andere Themen die Kommunikation prägt und es auch nicht nur um Kommunikation geht, entstehen auch andere Grenzbetrachtungen). Die Anliegenorientierung betrachtet dagegen alles, was in einem Handlungsfeld wirkt, als Kräfte, ob Systemteil oder nicht. Das schließt Systemwirkungen ein, andere Wirkungen aber nicht aus.

 

Die Systemik hat sich gerade bei organisationellen Praktikern den Vorwurf eingehandelt, in endlosen Kommunikationsschleifen mit Freude am Paradoxen wenig zur Lösungsfindung beizutragen. Das hat sich gegenüber den Anfängen der Systemik mittlerweile gebessert, doch die heiße Diskussion um hybride Fach- und Prozessberatungsmodelle (z.B. Komplementärberatung) zeigt an, dass das Thema noch schwelt. Hier bringt die Anliegenorientierung mit ihrer starken Handlungsausrichtung einen alternativen Ansatz in die Welt der Prozessberatung. Anliegenorientiert kann problemlos auf einer Sachebene gearbeitet und dabei andere Ebenen (Beziehung, Kultur usw.) mitgenommen werden oder umgekehrt. Das ermöglicht eine neue Verheiratung von Fach- und Prozessarbeit, ohne dabei die Erkenntnisse des Konstruktivismus zu übergehen.

 

Die lösungsorientierte systemische Beratung arbeitet wie die Anliegenorientierung mit einer starken Ausrichtung und mit der Mobilisierung der Ressourcen des Kunden. Die Anliegenorientierung stellt aber nicht eine Lösung (geschweige denn ein Problem wie große Teile der Systemik), sondern immer nur eine (mögliche) Handlung ins Zentrum. Daraus ergibt sich ein ganz grundsätzlicher Unterschied: Lösungsorientierung arbeitet letztlich immer noch nach dem Prinzip der Zielorientierung, auch wenn das Ziel aus der eigenen Imagination einer Lösung stammt, und versucht von dort aus „zu ziehen“. Das kann sicher seine großen Stärken haben, etwa in den therapeutischen Zusammenhängen, aus denen dieser Ansatz auch kommt. Für die Organisationsberatung, insbesondere in der Wirtschaft, mit ihrer ohnehin meist überschießenden Zielfixierung ist das aber so ähnlich als wenn man versucht, eine Vergiftung mit demselben Gift zu behandeln. Da bietet die Anliegenorientierung, die ganz auf die Zielhaftigkeit verzichtet und auf ein von den Feldkräften getriebenes Navigieren setzt, ein dezidiert anders Herangehen.

 

 

Verhältnis zu Scharmers "Theory U"

Zu diesem Verhältnis sind wir so oft gefragt worden, dass wir die Anliegenorientierung schon scherzhaft „Theory A“ taufen wollten. Aber das würde sie vielleicht eher parallel setzen als zur Differenzierung beitragen. Denn es gibt beides, Ähnlichkeiten und – grundlegende – Unterschiede, die – ohne eine eigene Darstellung der „Theory U“ – hier kurz skizziert werden sollen.

 

Ähnlich ist bei beiden Ansätzen, dass sie versuchen, die gängigen Mindsets zu verlassen und neue Perspektiven einzubringen. Dabei gewinnen sie Orientierung aus einer Vielzahl von Kräften, auch solchen, die zwar ihre Wirkung entfalten, aber dennoch oftmals nicht akzeptiert werden, weil sie sich der wissenschaftlich-logischen Überprüfung entziehen, der subjektiv-intuitiven Wahrnehmung aber durchaus zugänglich sein mögen. Die „Theory U“ formalisiert den Wahrnehmungsvorgang durch den U-Verlauf und am entscheidenden Umschlagpunkt durch die Idee des „Presencing“, also dem Versuch der Wahrnehmung einer Zukunft, die sich zu bilden beginnt. Die Anliegenorientierung gibt auch Wahrnehmungsunterstützung durch den Navigator, formalisiert dabei aber weniger. So gibt es dabei keine „entscheidende“ Wahrnehmung, die Reihenfolge der Wahrnehmung im Handlungsfeld ist keine Frage der Richtigkeit, sondern der persönlichen Zweckmäßigkeit, und insgesamt ist der Anwender frei, wie gründlich und umfassend er das Feld exploriert, ganz zu schweigen davon, dass er völlig frei ist, welche Handlungsorientierung er daraus ableitet.

 

Von den übrigen vielen Unterschieden seien im Folgenden nur einige herausgegriffen. Die „Theory U“ beschäftigt sich spezifisch mit Veränderung, die Anliegenorientierung mit sozialer Handlung allgemein. Die „Theory U“ arbeitet eher mit Introspektion, auch wenn diese via Presencing auf die offene Zukunft gerichtet sein soll. Bildlich geht die „Theory U“ eher in eine Grube (den tiefsten Punkt des U), während sich die Anliegenorientierung eher auf die Zehenspitzen stellt, um das ganze Feld im Blick zu haben und alle Kontextkräfte wahrnehmen zu können, egal wie sichtbar oder unsichtbar diese sind.

 

Der größte Unterschied besteht aber darin, dass die „Theory U“ letztlich immer noch ein zielorientierter Ansatz ist, der (wenn auch durch „presencing“) letztlich einen gewünschten Zustand definiert, von dem sich der Handelnde „anziehen“ lassen soll. Dagegen verzichtet die Anliegenorientierung genau auf diesen Zielzustand, sondern lässt eine grobe Entwicklungsrichtung ausreichen, die Schritt für Schritt erprobt wird und erst im Laufen durch die „Erfahrung“ permanenter Rückkopplung aus dem Kontextfeld Konkretisierung erfährt. Die Anliegenorientierung hat – anders als alle Zielkonzepte – überhaupt keine Schwierigkeiten mit der Offenheit des Prozesses, dem Verarbeiten von Unvorhersehbarem, da sich der Weg ohnehin erst im Gehen bildet.

 

Beide Ansätze setzen sich über die Systemdifferenzierungen orthodoxer Systemtheorie hinweg, allerdings scheint die „Theory U“ diese Unterschiede eher zu negieren als zu umarmen wie es die Anliegenorientierung tut, die Systemwirkungen als eine Art relevanter Wirkungen ja durchaus akzeptiert. Nach einer Kritik von S. Kühl, sei die „Theory U“ nur ein typisches Managementkonzept in neuem Gewand, das das Unmögliche versuche, Allheilmittel für alle Probleme zu sein, mit dem Anspruch, gleichzeitig alles und alle zu verändern. Damit würde sie sich grundlegend von der Anliegenorientierung unterscheiden, die kein Ergebnis verspricht, sondern Unterstützung bietet, einen eigenen Weg zur Verfolgung eines (gemeinsamen) Anliegens zu finden.