Philosophie

Auch wenn es angesichts eines seit Jahrtausenden durchgeackerten Feldes der sozialen Handlung zunächst erstaunlich klingen mag, wirft die Anliegenorientierung eine Vielzahl philosophischer Fragen auf, weil sie an entscheidenden Punkten von Bekanntem abweicht. Hier seien in aller Kürze zwei für die Verortung der Anliegenorientierung zentrale Fragestellungen herausgegriffen: das zugrundeliegende Freiheitskonzept und das Verhältnis zur Ethik.

 

 

Das Freiheitskonzept der Anliegenorientierung: Freiheit in Verbundenheit

Anliegenorientierung versteht sich als Hilfsmittel zur Gewinnung und Ausübung von Handlungsfreiheit. Das mag überraschen, fehlt es doch seit dem Konzept der negativen Handlungsfreiheit (Abwesenheit jeglichen Zwangs) theoretisch wahrlich nicht an Freiheit zum Handeln. Aber praktisch sieht das anders aus.

 

Denn für jedes freie Handeln gibt es Voraussetzungen. So erkennt z.B. das Bundesverfassungsgericht in Auslegung des Grundgesetzes seit jeher an, dass die allgemeine Handlungsfreiheit leer läuft, wenn dem Bürger* die materiellen Grundlagen zum Handeln fehlen und legt die Sozialbindung des Eigentums und die Verpflichtungen des Sozialstaats entsprechend aus. Aber es gibt auch soziale, kulturelle, psychische und andere systemische Grundlagen freien Handelns, die uns angesichts einer immer unübersichtlicher werdenden Welt offenbar zunehmend entgleiten. Soweit wir aus Lähmung oder Ohnmacht nicht handeln oder unfrei handeln, weil wir aus Verunsicherung, Überforderung oder Sinnkrise blind populären Ideologien folgen, bleibt Handlungsfreiheit Theorie.

 

Im Gegensatz zu den philosophische Bemühungen, auch die nicht-materiellen Voraussetzungen der Handlungsfreiheit in einen zeitgemäßen liberalen Freiheitsbegriff zurückzubinden (L. Herzog 2013) und damit letztlich normativ zu machen, will die Anliegenorientierung „nur“ Hilfe beim individuellen Ausfüllen der überwältigenden Optionen des negativen Freiheitsbegriffs geben. Sie versucht deshalb nicht, schlüssig verallgemeinerbare Kriterien für Voraussetzungen, Gebote und Verbote des Handelns zu gewinnen, sondern überlässt es dem Handelnden, seine jeweiligen Handlungsmaximen durch subjektive Stimmigkeit zu gewinnen. Das mag unphilosophisch oder philosophisch unkonventionell sein, weil es nicht danach fragt, was wahr ist, sondern was hilfreich ist. Anliegenorientierung versucht also zur realen Handlungsfreiheit zu animieren, ohne diese wieder durch die Konzepte positiver Handlungsfreiheit oder andere Beschränkungen der Handlungsfreiheit zu beschneiden. Weder durch (Gebots-)Ethik noch durch Diskursethik (Habermas). Insofern ist die Anliegenorientierung erst einmal ein sehr liberales Konzept, aber kein isoliertes.

 

Denn die Anliegenorientierung erkennt voll an, dass Handlungen nicht im Vakuum, sondern in ihrem jeweiligen sozialen Umfeld stattfinden, dem Rechnung getragen werden muss. Deshalb setzt sie auf das Konzept der Verbundenheit, also der Vorstellung, dass der Handelnde sich in einem Kontext vieler Kräfte befindet, die seine Handlung beeinflussen. Dabei können diese Einflüsse bewusst oder unbewusst sein, kann der Handelnde sie empathisch mehr oder weniger einbeziehen, das bleibt ihm überlassen. Aus dem jeweiligen Kontext lassen sich nicht schlüssige allgemeine Gebote ableiten, sondern lediglich stimmig das für ihn Handlungsleitende durch jeden Handelnden selbst.

 

Es gibt also kein Mindestmaß an Fähigkeit oder Verpflichtung zum Einbeziehen des Kontextes in die eigenen Handlung. Die einzigen Maximen, die es in der Anliegenorientierung gibt, sind a) nicht die Verbundenheit zu negieren, und b) nicht die Auswirkungen der Verbundenheit auf die anstehende Handlung zu missachten, unabhängig davon wie man diese Wirkungen dann für sich bewertet und entscheidet. Oder positiv gewendet: aus seinem Anliegen zu handeln und dabei empathisch die Anliegen anderer einbeziehen, soweit man es vermag.

 

 

Anliegenorientierung und Ethik

Im Zusammenhang der Handlungsfreiheit hat Ethik üblicherweise zwei wichtige Funktionen: Das Gewinnen von Kriterien für eine positive Bestimmung von Freiheit, also eine Gebotsethik, und die Bestimmung der Grenzen von Freiheit, die Verbotsethik – wobei jedes Gebot auch als Verbot formuliert werden kann und umgekehrt. Insgesamt geht es also um die Gewinnung von Normen für soziales Handeln, als Inhaltsbestimmung oder als Grenzsetzung. Beides mag für ein gedeihliches Zusammenleben von Menschen notwendig sein, ist aber nicht Gegenstand der Anliegenorientierung. Das bleibt das Geschäft der Ethik.

 

Anliegenorientierung geht es vielmehr darum, in dem Bereich, den diese Normen freilassen, Hilfe zur Orientierung zu geben. Mit drei Effekten: der Verringerung von Orientierungslosigkeit (als subjektive Alternative zu Sinnmodellen, die wieder objektivierend sind), ein Gegensteuern zur grassierenden Tendenz, ethische Vorgaben für alles und jeden zu erfinden (ethischer horror vacui), und weniger Kollisionen mit ethischen Grenzen. Denn wenn durch Anliegenorientierung wieder mehr individuelle Orientierung in das soziale Handeln kommt, braucht es weniger Anlehnen an fremde Orientierung, egal ob sie aus Erfolgsversprechen, Sinnversprechen oder ethischen Vorgaben entspringt. Und wenn soziales Handeln wieder besser „funktioniert“, verringern sich vermutlich die Kollisionen mit ethischen Vorgaben, weil bereits mehr individuelle Orientierung vorliegt und deshalb das Netz ethischer Vorgaben nicht mehr so eng gestrickt werden muss.

 

Allerdings steht zu befürchten, dass die Anliegenorientierung allein deshalb immer wieder mit ethischen Vorstellungen kollidieren wird, weil wir es zutiefst gewohnt sind, in ethischen Kategorien zu denken. Das ist einfach Jahrtausende alte Prägung. Letztlich wirkt aber die Normativität der Ethik wieder wie eine Zielorientierung, weil sie auf das Ziel des „guten“ Handelns ausrichtet und dessen Bestimmung eben nicht dem Augenblick und dem Individuum überlässt, sondern verbindlich geregelt oder zumindest schlüssig nachvollziehbar argumentiert haben will. Was letztlich eine Einschränkung von Freiheit durch fremde Ideologie ist, auch wenn wir damit zutiefst durchtränkt sind. Gerade das Aufeinandertreffen unterschiedlicher ethischer Prägungen im Rahmen der Globalisierung macht aber deutlich, dass das Gute kein Gegenstand von Erkenntnis, sondern eine kulturell gebundene Setzung ist.

 

Dabei zeigt sich auch ein großer praktischer Vorzug der Anliegenorientierung gegenüber der ethischen Argumentation. Wer jemals interkulturelle Konflikte oder auch nur Konflikte zwischen Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen oder Ideologien beobachtet hat, weiß, dass es fast unmöglich ist, zu einem Konsens zu kommen, solange auf der Ebene der Glaubenssysteme argumentiert wird. Aber oft ist es durchaus möglich, am konkreten Anliegen gemeinsam anzupacken, allen prinzipiellen Differenzen zum Trotz. Man denke nur an die „Don Camillo“-Geschichten, in denen Katholizimus und Kommunismus als Abstrakta nicht vermittelbar sind, die Protagonisten im Konkreten aber immer wieder gemeinsam anpacken, etwa wenn es gilt, einem Menschen zu helfen.

 

Ein Wort noch zum Verhältnis der Anliegenorientierung zur Verantwortungsethik, bei der ja auch stark der Kontext mitgedacht wird, in dem die Handlung steht. Dabei soll angesichts der möglichen Folgen einer Handlung diese „verantwortbar“ sein, statt Schäden zu verursachen, die bestenfalls später bereinigt werden müssen, soweit das überhaupt geht. Wie die Anliegenorientierung tendiert auch die Verantwortungsethik zum Handeln in einem Schritt statt in zwei Schritten (d.h. erstens einer Handlung, die sich nicht um die Kontextfolgen schert, plus zweitens der anschließenden Behebung der verursachten Schäden). Die Verantwortungsethik verfolgt dies aber als ethische positive Freiheitsbestimmung, die Anliegenorientierung als subjektive Handlungsklugkeit aus Verbundenheit.